So viele Gedanken in meinem Kopf. Den ganzen Tag. Die Sonne geht auf und wieder unter. Keine Zeit Gedanken zu ordnen. Ihnen überhaupt die
Chance zu geben gedacht zu werden. So ging es mir die letzten Wochen. Da ich nicht mal zum Denken gekommen bin, ist natürlich auch die Beziehung zu meinem Blog wieder ins kriseln geraten. Ich weiß, es war nicht anders zu erwarten. Es ist ja auch nicht einfach...
Doch nun sitze ich hier - auf diesem wundervollen Balkon. Es ist eher ein alter Wintergarten, als ein Balkon. Im dritten Stock. Die Fenster geöffnet, kann ich hier ab ungefähr 16 Uhr die Sonne genießen. (Wenn ich um 16 Uhr zuhause wäre, aber das ist eine andere Geschichte.) Auch jetzt ist es noch warm, obwohl meine gute Freundin die Sonne gerade still und unbemerkt hinter den Wolken und ein paar Dächern verschwindet. Die Vögel zwitschern. Ich kuschele mich in einen riesigen Sessel, ebenfalls ein neuer guter Freund. Einer meiner liebsten sogar. Meine andere gute Freundin die Tasse, hält einen leckeren Tee für mich bereit und mein Lieblingsbegleiter, der Ipod, meint es gut mit mir. Die Welt ist schön.
In den letzten zwei Wochen habe ich durchgearbeitet. Es wird nicht einfacher, wenn die Chefin beginnt einen zu mögen. Ich habe die komplette Ostersendung geschnitten und noch ein paar andere ihrer Beiträge. Warum nicht? An sich hab ich gar nichts dagegen. Problematisch war es nur, weil sie mich auch mit eigenen Beiträgen im Programm eingeplant hatte, die ich dann im Schnelldurchlauf irgendwie auch noch machen musste. Aber ich möchte mich gar nicht darüber beschweren. Ich kann so viel eigenständig arbeiten und werde mit dem Herumreisen wirklich für jeden Tag im fensterlosen, beengten Schnittraum entschädigt. Ich weise darauf hin, dass ich diesen Raum im März noch als Ruheoase bezeichnete. So ändern sich die Dinge. Ich beginne fast das Geschreie meiner werten Kollegen zu vermissen da drinnen. Aber nur ein bisschen. Ein klitzekleines bisschen... Vielleicht.
Von Donnerstag früh bis Montagabend, also über Ostern, war ich in Sibiu (Hermannstadt). Ich werde jetzt nicht jeden Dreh und die ganze Fahrt in ihren Einzelheiten beschreiben. Aber einen Einblick gibt es natürlich.
Die Fahrt beginnt zu dritt. Alex (ein Redakteur), Forester (ich glaube, das ist ein Spitzname, aber alles andere kann ich nicht schreiben. Er ist Fahrer und spricht nur rumänisch. Für mich aber dann doch manchmal sogar Französisch. Sein Name heißt übersetzt Förster.) In Hermannstadt erwartet uns dann noch der Kameramann, der nebenbei erwähnt, der Bruder meiner Chefin ist.
Ich habe es nicht bereut die gesamten Ostertage zu arbeiten, denn diese hübschen kleinen Dörfchen hätte ich sonst nie gesehen. Auch die Zusammenstellung der Personen war dieses Mal weitaus angenehmer, als bei anderen Drehs. Ich würde sogar sagen sehr angenehm.
Um einen Teil eines Drehtages ein wenig zu visualisieren, meine Damen und Herren, präsentiere ich hier die neuste Topstory, mit dem wohl einfallslosesten, aber passendem Namen:
Wein zum Frühstück.

5.00 Uhr:
Nina quält sich aus dem Bett. Die Menschen, die mich schon mal morgens erlebt haben, fragen sich an dieser Stelle wahrscheinlich, wie ich es geschafft habe, um diese Zeit zu arbeiten, bzw. wie es andere Leute geschafft haben, um diese Zeit mit mir zu arbeiten. Ja. Zu Recht. Leicht war das nicht, aber ich habe mir wirklich Mühe gegeben. Was muss, das muss. Und für meine Verhältnisse kann ich sagen, war ich wirklich nett!
6 Uhr:
Alex und ich steigen zu dem Fahrer ins Auto. Ich bin froh, dass ich die Autotür gefunden habe. Davon abgesehen bin ich stolz auf mich, dass ich mir - bis dahin - nur zwei blaue Flecken zugezogen hab. Einen unter der Dusche und einen, als ich aus dem Badezimmer wieder ins Zimmer laufen wollte und die Tür plötzlich woanders war. Mit Selbstironie ist das Leben leichter. Ich lasse mich eben gern vom Leben zeichnen.
Wir holen Arno, den Kameramann, ab. (Im Auto schon die ersten Anspielungen auf meinen morgendlichen, passiven Zustand. Schnell entscheiden die beiden über meinen Kopf hinweg, dass ich die ersten Interviews führen soll. Das wird ja bestimmt witzig. Haha. Ja. Ich starre aus dem Fenster und lasse die schöne Landschaft an mir vorbeirauschen. Das Blabla um mich herum blende ich aus. Nehme mir aber insgeheim vor, sofort bei der Ankunft, die Wachheit in Person zu sein. Gut. Nicht so wach wie Gülcan vielleicht, aber wer will das schon. Keine Ahnung, wie ich gerade auf Gülcan komme, aber die ist mir definitiv zu wach.)
7.00 Uhr:
Ankunft am ersten Drehort.


7.05 Uhr:
Nachdem wir rausfinden, dass der Kameramann am Abend zuvor und möglicherweise auch morgens zu viel getrunken hat, relativ alkoholisiert ist und noch dazu Magenprobleme hat, müssen wir alleine filmen. Er verschwindet einfach mal. Warum nicht.
Viele alte Leute freuen sich, dass wir da sind und reden ununterbrochen auf uns ein. Hey, da läuft 'ne Kamera? Egal, sind ja bestimmt Aufnahmen ohne Ton. Nachdem ich den Herrschaften zum 20igsten Mal erkläre, dass es wirklich toll wäre, wenn sie nicht immer ins Bild laufen würden bei den Landschaftsaufnahmen und das es sogar noch toller wäre, wenn sie nicht beim Interview von allen Seiten dazwischenbrüllen, stößt meine morgendliche Geduld an ihre Grenzen. Aber ich halte durch. Sie sind einfach viel zu nett, als das ich irgendwem hier, für irgendwas böse sein könnte.
Plötzlich holt ein alter Herr hinter meinem Rücken eine Parfumflasche aus der Tasche und sagt: "Junge Frau, ich möchte Sie bespritzen." Ich wäre mehr als geschockt gewesen, hätte ich nicht vorher durch wundervolle Menschen erfahren, dass es diesen Brauch hier zu Ostern gibt.

Die Frauen werden von den Männern mit Parfum (früher mit Eimern voll Wasser) "bespritzt". Gut, die Männer haben also dank mir, als eine der wenigen Frauen, ihren Spaß und ich stinke. Und wie. Den ganzen Tag. Ich kann euch diesen Geruch gar nicht beschreiben. Aber es waren nicht die edelsten Düfte, die dort auf meinem Kopf ihren Platz fanden. Nicht gewollt, aber der Tradition wegen akzeptiert. Ich habe sogar freundlich gelächelt währenddessen. Musste ich auch, wurde natürlich gefilmt. Sowas lassen die sich nicht entgehen.
Logischerweise trage ich damit zum Amusement meiner heiß geliebten Kollegen bei, jedenfalls so lange bis sie mit mir im Auto fahren müssen... Also, ehrlich, schön kann das nicht gewesen sein. Nach dem ersten Dreh lädt uns ein alter, netter Herr zu sich nach Hause ein.
9.00 Uhr:
Bei dem netten Herrn zuhause.
Wem es nicht aufgefallen ist, ich habe bisher kein Frühstück erwähnt. Ich habe es nicht vergessen.

"Ich hol erst mal den Schnaps und den Wein! Wir wollen ja auch was zu trinken haben, nech?" Schnaps und Wein? Oh gott.
"Ach, ich glaube, ich bleibe erst mal bei der Cola."
(Während unser außer Gefecht gesetzter Kameramann schon wieder fleißig bechert...)
"Aber junge Frau, den Schaps hab ich selber gemacht und den Wein auch."
"Ja. Das weiß ich doch. Der schmeckt bestimmt sehr gut. Aber..."
Er lässt mich gar nicht ausreden. Zack. Ein Glas voll mit Wein, eins mit Schnaps und eins mit Cola. Immerhin das genehmigt er mir. Wir stoßen an und immer noch freuen sich alle, dass wir da sind. Fünf Minuten später halte ich einen schwarzen Kaffee in der Hand. Als ob drei Getränke nicht genug wären. Außerdem kann ich ja nicht dauernd aufs Klo rennen, aber gut, was soll man machen.
"Wollen Sie mal das Haus eines echten Grafen sehen, junge Frau?"

"Ja, aber natürlich." Wieder amüsieren sich meine Kollegen köstlich. Aber ich finde das wirklich nett. Diese Leute haben alle so viel zu erzählen und zu zeigen. Es ist doch schön, wenn sich jemand so freut, dass man da ist. Etwas anstrengend auf die Dauer, aber wirklich freundlich. Ich bekomme also eine Hausführung, von dem selbsternannten Grafen. Ein völlig normales Haus. Aber für ihn, was ganz besonderes. Dann müssen wir weiter.
11.00 Uhr
Die nächste große Freude über unseren Besuch. Die nächste Aufregung. Die nächsten Gespräche. Und... ja. Der nächste Schnaps. Die gleichen Sätze.
"Aber junge Frau, den hab ich selbst gemacht! Das geht so nicht."
"Ja, gut ein Schlückchen zum probieren, ich bin sicher der schmeckt sehr gut."

Aus einer Art Milchkanne wird mir wieder ein Glas Schnaps eingeschenkt. Noch bevor der Mann neben mir einer Frau zuruft, dass ich noch keinen Wein habe, falle ich ihm ins Wort.
"Doch, doch mein Glas steht da vorne. Ich bin wirklich mehr als gut versorgt. Ich hab alles."
"Und ist ihr Glas auch noch voll?"
"Ja, natürlich."
Dann kommt ein Mädchen mit einem Teller Kuchen vorbei. Mir ist zwar nicht nach Kuchen, aber das ist besser als nichts. Ich quäle mich mit den letzten Schlucken dieses schrecklichen Schnapses (diese Leute und auch ihr Schnaps in allen Ehren, aber ich mochte ihn nunmal leider nicht). Ich lasse also extra einen Schluck im Glas damit mir keiner nachfüllt und will zum Interview übergehen, als...
"Ich hab ihnen schon mal nachgefüüüüüllt."
Ich werde das Glas einfach ignorieren. Auch das klappt nicht, aber ich schaffe es unauffällig ein wenig davon wegzugießen. Na, das werden schöne Interviews und besonders schöne Bilder...

Nach dieser Reise, bin ich zu der Überzeugung gelangt, eine gute Berufswahl getroffen zu haben. Wenn mir noch ein mal jemand erzählt, dass alle Journalisten sich früher oder später in die Abhängigkeit stürzen, werde ich nicht mehr fragen warum.
Ganz klar. Das ist eine Interviewstrategie. Man erlangt das Vertrauen der Leute und macht sie auch noch gesprächiger, in dem man mit ihnen trinkt! Wieder was gelernt beim rumänischen Fernsehen... Ich werd noch zum Profi hier.
Lange nicht mehr so gelacht^^ die liebe Nina, die nur so schwer "Nein" sagen kann, wird in die Alkoholabhängigkeit getrieben. Da sind die Biertrinkwettbewerbe hier im Stadion ja richtig harmlos gegen. Mann mann, pass ja auf dich auf ;-) aber du scheinst ja echt viel zu tun, also war die Wahl wohl nicht so schlecht mit Rumänien. Viel Spaß noch! ;-)
RăspundețiȘtergere"Ich möchte Sie jetzt bespritzen"- love that shit! Ninó, du bist sehr tapfer!
RăspundețiȘtergereHaha, klasse! Du liebst Dein Praktikum, merke ich! :))
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